Sind Granulozyten die dritte Säule der variablen Immunabwehr beim Menschen?
| Sind Granulozyten die dritte Säule der variablen Immunabwehr beim Menschen? |
| G.A.R. 30.10.2006 |
Der menschliche Organismus schützt sich vor Krankheitserregern durch ein komplexes Immunsystem, welches von verschiedenen Populationen von Immunzellen gebildet wird. Neutrophile Granulozyten sind die größte Gruppe und die ersten Immunzellen am Ort der Entzündungen und Infektionen, sie sind die vorderste Verteidigungslinie beim Menschen.
Ein Schritt zum Verständnis der Rolle von Granulozyten im menschlichen Immunsystem ist Wissenschaftlern der Universität Regensburg und der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg gelungen.
Eine Arbeitsgruppe um Kerstin Püllmann und Alexander Beham von der Chirurgischen Universitätsklinik Regensburg und Wolfgang Kaminski vom Institut für Klinische Chemie am Mannheimer Universitätsklinikum berichtet, dass eine Subpopulation neutrophiler Granulozyten vom Menschen und auch von der Maus flexible Repertoires eines variablen Immunrezeptors ähnlich dem des T-Zellrezeptors ausbildet.
Damit ist erstmalig der Nachweis erbracht, dass Granulozyten über die molekulare Ausrüstung für eine variable Immunabwehr verfügen. Die Gruppe veröffentlichte ihre Ergebnisse in der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences.
Neutrophile Granulozyten bilden die größte Gruppe von Immunzellen im Blut. Sie sind bei allen Formen von Entzündungen und Infektionen die ersten Immunzellen am Ort des Geschehens und bilden die vorderste Verteidigungslinie der Immunabwehr. Bislang sind Immunologen davon ausgegangen, dass Granulozyten als sehr rasch agierendes Verteidigungssystem lediglich unflexible Abwehrmechanismen besitzen. Über vier Jahrzehnte hinweg hatte sich nach Angaben der Arbeitsgruppe die Erkenntnis gefestigt, dass das variable Immunsystem im Menschen und generell bei Säugetieren ausschließlich in den Lymphozyten lokalisiert ist.
Zwei Untergruppen von Lymphozyten mit variablen Immunrezeptoren sind bekannt: die B-Lymphozyten, deren variable Immunrezeptoren als lösliche Antikörper in die Blutbahn freigesetzt werden und die T-Lymphozyten, die den T-Zellrezeptor, ein zellmembrangebundenes Pendant zu den Antikörpern, an ihrer Oberfläche ausbilden. Beide Lymphozytensysteme sind in der Lage, durch eine hohe Zahl variabler Antikörper bzw. T-Zellrezeptoren auf spezifische Reize zu reagieren. Nach Kontakt mit einer Substanz, die als fremd erkannt wird, vermehren sich diejenigen Lymphozyten stark, an deren variable Immunrezeptoren das Antigen spezifisch bindet.
Innerhalb weniger Wochen stehen damit große Mengen Lymphozyten bereit, die alle denselben maßgeschneiderten Antikörper bzw. T-Zellrezeptoren produzieren, und die dadurch in der Lage sind, Antigene spezifisch zu binden und effizient zu eliminieren.
Nach der Abwehr verbleiben wenige dieser Lymphozyten im Organismus und bilden das "immunologische Gedächtnis", das bei wiederholtem Antigenkontakt dann rascher als beim Erstkontakt aktiviert wird. Aufgrund dieser Anpassungsfähigkeit werden die beiden getrennten variablen Immunsysteme gemeinsam als "adaptives Immunsystem" bezeichnet.
Das entdeckte flexible Immunrezeptorsystem in Granulozyten liefert erstmals den Beweis, dass Säugetiere auch außerhalb der Lymphozyten über ein variables Immunsystem verfügen.
Nach Aussage der beteiligten Wissenschaftler spricht vieles dafür, dass sie eine eine dritte Säule der variablen Immunabwehr im Menschen identifiziert haben. Sie gehen davon aus, dass damit ein neues Kapitel in der Entzündungsforschung eröffnet wird.
Stellen Granulozyten ein schnelles adaptives Immunsystem dar, das die langsame - durch Lymphozyten vermittelte - klassische adaptive Immunabwehr ergänzt?
Quelle:
Pressemeldung der Universität Heidelberg
Kerstin Puellmann, Wolfgang E. Kaminski, Mandy Vogel, C. Thomas Nebe, Josef Schroeder, Hans Wolf, and Alexander W. Beham
A variable immunoreceptor in a subpopulation of human neutrophils
PNAS, 2006, 103,39, 14441-14446
http://www.pnas.org/cgi/content/abstract/103/39/14441?maxtoshow=&HITS=10&hits=10&RESULTFORMAT=&fulltext=Beham+&searchid=1&FIRSTINDEX=0&volume=103&issue=39&resourcetype=HWCIT
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